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Die neue Dialekt-App nöis gschmöis der Universität Zürich macht alle zu Forschenden und zeigt, wie vielfältig Schweizerdeutsch heute gesprochen wird. Sie eröffnet spannende Einblicke in Wortschatz, Aussprache und Grammatik – und lädt die Bevölkerung ein, selbst zur Dialektforschung beizutragen.
Mit der App (gschmois.uzh.ch) können Nutzerinnen und Nutzer selbst in die Rolle von Sprachforschenden schlüpfen. Sie haben die Möglichkeit, nicht nur ihren eigenen Dialekt zu dokumentieren, sondern auch die Antworten anderer Personen aufzunehmen – so entsteht ein möglichst vollständiges Bild des heutigen Schweizerdeutsch. Die App wurde im Rahmen des Projekts RALD (Raising Awareness for Linguistic Diversity) der Universität Zürich am Lehrstuhl von Prof. Dr. Anja Hasse entwickelt. Wir sprachen über das Forschungsprojekt zu schweizerdeutschen Dialekten mit der Projektleiterin und SNF-Förderungsprofessorin Anja Hasse.
Was war die grösste Motivation, nach der ersten App gschmöis von 2018 eine neue, erweiterte Version zu entwickeln?
In der App nöis gschmöis möchten wir explizit alle ansprechen, die Schweizerdeutsch sprechen, und somit die sprachliche Realität der Deutschschweiz besser einfangen. Leute, die Schweizerdeutsch erst später gelernt haben, sind genauso eingeladen mitzumachen wie Personen, deren Eltern den gleichen Dialekt sprechen.
Welche Ziele verfolgt das Projekt RALD konkret – geht es primär um Forschung, Bildung oder um den Austausch mit der Bevölkerung?
Um alles. Das Projekt bietet uns die Möglichkeit, der breiten Bevölkerung einen Einblick in unsere Forschung zu geben. Dabei ist es mir ein besonderes Anliegen aufzuzeigen, dass sich die verschiedenen schweizerdeutschen Dialekte nicht «nur» in ihrem Wortschatz unterscheiden. Unterschiede im Wortschatz sind vielen Leuten bewusst, aber die schweizerdeutschen Dialekte unterscheiden sich auch darin, wie einzelne Laute ausgesprochen werden, welche Formen Wörter annehmen können oder wie Satzstrukturen gebildet werden. Das finde ich sehr spannend!
Welche sprachlichen Eigenheiten oder Varianten des Zuger Dialekts interessieren Sie besonders?
Der Kanton Zug gehört zu den kleinsten Kantonen, dennoch zeigt sich eine grosse sprachliche Vielfalt, weil traditionell verschiedene Dialektgrenzen durch den Kanton verlaufen. Gleichzeitig ist die Kantonsbevölkerung sehr mobil und mittlerweile sehr divers, was die Sprachen und Dialekte der Bewohnerinnen und Bewohner betrifft. Uns interessiert, ob wir die traditionellen Dialektgrenzen dennoch heute noch finden können.
Können Sie uns Beispiele aus dem Kanton Zug nennen?
Traditionell wird «uns» in Risch, Hünenberg, Steinhausen und Baar als öis ausgesprochen – wie wir das etwa auch aus dem Zürichdeutschen kennen. Südlich davon wurde das gleiche Wort als üüs ausgesprochen – wie auch im Schweizerdeutschen des Kantons Schwyz. Ein anderes Beispiel – nicht aus dem Bereich der Aussprache, sondern dem Bereich der Satzbildung – ist die Frage, wie man «ich gebe es dir» übersetzt. Heisst es im Kanton Zug diir, i diir oder a diir? (vgl. auch obenstehende Karte.)
Gibt es bereits Hypothesen, wie sich der Dialekt im Kanton Zug in den letzten Jahrzehnten verändert hat – etwa durch Zuzug oder den Einfluss von Zürich?
Wir werten unsere Daten derzeit noch aus. Andere Projekt haben aber schon Hinweise in diese Richtung gefunden – was aber nicht ausschliesst, dass es nicht auch gegenwärtige Tendenzen gibt. Ein Projekt aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts (de.wikipedia.org/wiki/Sprachatlas_der_deutschen_Schweiz) hat für den Kanton Zug verschiedene Aussprachen von «tief» dokumentiert: töif oder töuf beispielsweise in Zug, aber täif in Menzingen oder täuf in Oberägeri. Ein kürzlich abgeschlossenes Projekt der Universität Bern (dialektatlas.ch) hat aber gezeigt, dass jüngere Sprecherinnen und Sprecher in Zug nur noch tüüf sagen.
Wird der Dialekt im Kanton Zug als eigenständige Varietät betrachtet oder eher als Teil des Zentralschweizerischen?
Weder noch, das Spannende ist, dass es nicht einen zugerdeutschen Dialekt gibt, sondern Vielfalt herrscht.
Kann man eindeutige Dialektgrenzen ziehen?
Das hängt immer davon ab, welches konkrete Phänomen man sich anschaut.
Am 25. November finden in Zug Dialektworkshops statt. Was dürfen die Teilnehmenden erwarten – geht es mehr um Präsentation, Austausch oder gemeinsame Analyse?
Wir bringen brandaktuelle Karten zu Phänomenen mit, die für die Dialektlandschaft im Kanton Zug interessant sind. Alle Karten basieren auf den Daten der App nöis gschmöis. Wer die Fragen in der App beantwortet hat, kann also seine eigenen Daten auswerten und mit jenen anderer vergleichen. Diese Karten diskutieren wir gemeinsam und schauen uns beispielsweise an, ob sie die eigenen Erfahrungen widerspiegeln. Zudem gibt es einen Inputvortrag von Gabriela Bart, Redaktorin beim Schweizerischen Idiotikon und Baarerin.
Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich langfristig – auch im Hinblick auf den Erhalt oder die Wahrnehmung des Schweizerdeutschen im Alltag?
Häufig wird diskutiert, ob das Schweizerdeutsche verschwindet. Tatsächlich kann sich der Wortschatz – oder zumindest Teile davon – schnell ändern. Was sich weniger schnell ändert, sind spezifische Aussprachen oder grammatische Regeln: Wie wird ein Satz gebaut, wie ein Wort an seine sprachliche Umgebung angepasst? Die genauen Dynamiken dahinter sind jedoch noch wenig bekannt. Dies wollen wir ändern.
Am 25. November werden an der Kantonsschule Zug Dialektworkshops durchgeführt. Anschliessend findet eine Podiumsdiskussion statt, an der die lokalen Literaturschaffenden Maria Greco, Severin Hofer und Judith Stadlin über den Dialekt im Alltag und als Arbeitsinstrument diskutieren. Beginn ist um 18.15 Uhr.
Weitere Infos und Anmeldung unter www.gschmois.uzh.ch/de/workshops/Zug.html
Uwe Guntern
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