Jugend forscht
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Patricia Jacomella Bonola bei der Arbeit an dem monumentales Segel, dass sie aus unzähligen Fragmenten zusammensetzt.
Die Zuger Künstlerin Patricia Jacomella Bonola präsentiert mit «I Used to go to the Beach» im Nauru National Pavillon der 61. Ausgabe der La Biennale di Venezia. Es handelt sich um eine vielschichtige, partizipative Installation, in deren Mittelpunkt die pazifische Insel Nauru steht.
Die Republik Nauru präsentiert an der La Biennale di Venezia 2026 erstmals den Pavillon «AIM Inundated – Imagining Life After Land». Die Ausstellung zeigt die kleinste Inselnation der Welt als Beispiel für Umweltzerstörung, Anpassung und Widerstandskraft. Nauru steht im Zentrum globaler Herausforderungen wie steigender Meeresspiegel, Ressourcenerschöpfung und den Folgen kolonialer Ausbeutung. Jahrzehntelanger Phosphatabbau hat die Insel stark verändert und ökologische sowie gesellschaftliche Probleme hinterlassen. Der Pavillon versteht Nauru nicht nur als konkreten Ort, sondern als Symbol für weltweite Entwicklungen. Er thematisiert den Verlust von Land, aber auch von Kultur, Wissen und Identität. Gleichzeitig eröffnet die Ausstellung neue Perspektiven auf die Zukunft und zeigt, wie Umweltveränderungen unser Verständnis von Gesellschaft und Zusammenleben prägen. Die Präsentation in Venedig schafft zudem einen Dialog zwischen zwei Orten, die beide stark von Wasser und Umweltveränderungen betroffen sind.
Nauru gilt heute als Sinnbild für eine Entwicklung, in der der Abbau natürlicher Ressourcen – insbesondere von Phosphat – langfristig zur Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen geführt hat. Diese historische Realität wird in Patricia Jacomella Bonolas Werk nicht dokumentarisch dargestellt, sondern in eine poetische und zugleich politische Bildsprache übersetzt. Die Installation verhandelt Fragen von Erinnerung, Verlust und globaler Verantwortung und öffnet dabei einen Raum für kollektive Reflexion. Im Zentrum der Arbeit steht ein monumentales Segel, das aus unzähligen Fragmenten zusammengesetzt ist. Stoffe, Kunststoffe und Verpackungen – alltägliche Materialien aus verschiedenen Teilen der Welt – wurden von Teilnehmenden eingesandt und in kreisförmige Elemente geschnitten. Der Kreis fungiert dabei als grundlegendes Symbol: Er steht für Kontinuität, für den Kreislauf des Lebens und für Inklusion. Als kleinste Einheit einer gemeinsamen visuellen Sprache verbinden sich diese Formen zu einer grossen, beweglichen Oberfläche. Zusammengenäht erzeugen die einzelnen Elemente eine Struktur, die an Fischschuppen erinnert. Diese Assoziation verweist auf Schutz, Anpassungsfähigkeit und Resilienz – Eigenschaften, die sowohl in der Natur als auch im gesellschaftlichen Zusammenleben von zentraler Bedeutung sind. Gleichzeitig bleiben die Nähte bewusst sichtbar. Sie wirken wie Narben und erzählen von Verletzungen, die nicht verschwinden, sondern als Teil eines Heilungsprozesses bestehen bleiben. So wird das Werk zu einem Zeugnis von Transformation: Wunden werden nicht ausgelöscht, sondern neu zusammengesetzt.
Der Titel «I Used to go to the Beach» verstärkt diese Bedeutungsebene. Er greift die ursprüngliche Bedeutung des Namens Nauru auf – abgeleitet vom nauruischen «Naoero», was «Ich gehe an den Strand» bedeutet – und verschiebt sie in die Vergangenheit. Aus einer alltäglichen Handlung wird so eine Erinnerung, die von Verlust geprägt ist. Der Strand, einst selbstverständlicher Teil des Lebens, wird zu einem Symbol für etwas, das unwiederbringlich verschwunden ist. Gleichzeitig entsteht eine Form kollektiver Nostalgie, die geografische und zeitliche Grenzen überschreitet. Im Ausstellungsraum entfaltet das Segel eine zusätzliche Dimension. Frei schwebend aufgehängt, reagiert es auf Luftbewegungen, Licht und die Präsenz der Besucherinnen und Besucher. Es wird zu einem beweglichen Körper, der die Idee von Reise, Übergang und Veränderung verkörpert. Dabei bleibt das Werk offen und wandelbar: Es integriert Grussbotschaften der Teilnehmenden sowie zahlreiche weisse Blätter, die im Verlauf der Ausstellung vom Publikum beschriftet werden.
Die Besucherinnen und Besucher sind ausdrücklich eingeladen, eigene Worte, Gedanken oder Wünsche für die Zukunft der Bevölkerung von Nauru zu hinterlassen. Mit jeder neuen Botschaft wächst die Installation weiter und verändert sich. Auf diese Weise entsteht ein kollektiver, emotionaler Atlas, in dem sich individuelle Stimmen zu einer gemeinsamen Erzählung verdichten. Das Nähen, als zentrales Element des Werks, erhält dabei eine erweiterte Bedeutung. Es ist nicht nur eine handwerkliche Tätigkeit, sondern wird zu einer Praxis der Aufmerksamkeit und Fürsorge. Indem Fragmente miteinander verbunden werden, entsteht eine neue, gemeinsame Struktur – eine Art planetarische Geografie, die nicht auf Grenzen basiert, sondern auf Beziehungen. Jacomella Bonolas Arbeit versteht sich damit nicht allein als Darstellung eines Verlusts. Vielmehr schlägt sie einen Akt symbolischer Reparatur vor: eine Topografie der Solidarität, die aus verstreuten Teilen zusammengesetzt ist. In diesem Sinne wird das Segel zu einem Bild für Bewegung und Hoffnung – und für die Möglichkeit, durch gemeinsames Handeln neue Verbindungen zu schaffen. Gerade in einer Zeit globaler ökologischer Herausforderungen gewinnt diese Perspektive an Bedeutung. Die Geschichte von Nauru erscheint nicht als isolierter Fall, sondern als Mahnung, die weit über die Insel hinausweist. Sie fordert dazu auf, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Verantwortung sowie zwischen Gegenwart und Zukunft neu zu denken. Mit «I Used to go to the Beach» gelingt es der Zuger Künstlerin, ein Werk zu schaffen, das zugleich poetisch und politisch ist. Es verbindet individuelle Erfahrungen mit globalen Fragestellungen und macht Solidarität als zentrale Voraussetzung für eine gemeinsame Zukunft sichtbar.
Die La Biennale di Venezia zählt zu den ältesten und bedeutendsten Kunstausstellungen der Welt. Seit ihrer Gründung im Jahr 1895 findet sie alle zwei Jahre in Venedig statt und bringt Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt zusammen. Die 61. Ausgabe der Biennale, die vom 9. Mai bis 22. November stattfindet, präsentiert aktuelle Positionen der Gegenwartskunst und greift zentrale Themen unserer Zeit auf – darunter Umweltfragen, gesellschaftliche Veränderungen und globale Vernetzung. Neben der internationalen Hauptausstellung spielen die nationalen Pavillons eine wichtige Rolle: Sie ermöglichen es einzelnen Ländern und Regionen, ihre spezifischen Perspektiven in den globalen Kunstdialog einzubringen. Der Nauru National Pavillon, in dem Patricia Jacomella Bonola ihre Arbeit zeigt, gehört zu jenen Beiträgen, die bewusst kleinere oder weniger sichtbare Stimmen ins Zentrum rücken und damit den Blick auf globale Zusammenhänge erweitern.
Uwe Guntern
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