Interview
Blick auf das Thermal-Mapping der Stadt Zug
Vor 40 Jahren war nicht nur die Geburtsstunde der Zuger Woche. 1986 öffnete auch die Bibliothek Zug im Kornhaus ihre Türen. Was damals als mutiges Infrastrukturprojekt begann, entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem der meistbesuchten Kulturorte des Kantons Zug.
Dass die Bibliothek Zug heute als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird, verdeckt leicht die Bedeutung des damaligen Projekts. Die Eröffnung von 1986 war nicht nur ein Umzug in neue Räumlichkeiten. Sie war Ausdruck eines kulturpolitischen Selbstverständnisses, das Bildung und Zugang zu Wissen als öffentliche Aufgabe verstand. Wir sprachen darüber mit Jasmin Leuze, der Leiterin der Bibliothek.
Die Bibliothek feiert 2026 ihr 40-jähriges Bestehen. Was bedeutet dieses Jubiläum für Sie persönlich und für die Institution?
Für mich persönlich ist das 40-jährige Bestehen vor allem ein schöner Anlass, auf die Entwicklung der Bibliothek zurückzublicken. Ich bin stolz, in einer Institution arbeiten zu dürfen, die für viele Zugerinnen und Zuger selbstverständlich zum Alltag gehört und Generationen geprägt hat. Viele Menschen sind mit der
Bibliothek aufgewachsen und verbinden mit ihr persönlichen Erinnerungen. Für mein Team, welches täglich mit Herzblut vor Ort ist, und mich ist dieses Jubiläum aber auch eine Bestätigung. Die steigenden Nutzungszahlen zeigen, dass die Bibliothek für viele Menschen in Zug relevant ist. Mein grösster Geburtstagswunsch ist deshalb, dass die Bibliothek auch in Zukunft für möglichst viele Zugerinnen und Zuger ein wertvoller und relevanter Ort bleibt.
Als die Bibliothek 1986 eröffnet wurde, galt sie als modernes Vorzeigeprojekt. Welche Elemente der damaligen Vision prägen die Bibliothek bis heute?
Aus meiner Sicht prägen viele Elemente der damaligen Vision die Bibliothek bis heute. Dazu gehören die hohe Dienstleistungsorientierung, der Anspruch, gesellschaftliche Entwicklungen aufzugreifen, innovativ zu sein aber vor allem die Nähe zu den Bedürfnissen der Zuger Stadt- und Kantonsbevölkerung. Ebenso wichtig ist der kontinuierlich politische Wille von Stadt und Kanton, der Bibliothek einen hohen Stellenwert einzuräumen und der Bevölkerung eine attraktive, zeitgemässe Bibliothek zur Verfügung zu stellen. Die Bibliothek versteht sich heute wie damals als öffentlich zugänglicher Ort für Bildung, Kultur und Wissen.
Die Grundidee ist dabei unverändert geblieben, hat sich aber deutlich erweitert. Wissen wird heute in vielfältigeren Formen vermittelt und aktiv erlebbar gemacht. Wissen wird heute nicht mehr nur über Bücher vermittelt, sondern über digitale Medien, Veranstaltungen, Beratungen, Workshops, Lernarbeitsplätze und neue Technologien. Der Kern bleibt jedoch derselbe: möglichst vielen Menschen einen einfachen Zugang zu Wissen und Orientierung zu ermöglichen.
Das historische Kornhaus verbindet auf besondere Weise Vergangenheit und Gegenwart. Welche Rolle spielt das Gebäude für die Identität der Bibliothek?
Das Kornhaus an der Oswalds-Gasse 21, steht sinnbildlich für die Entwicklung der Bibliothek. Es verbindet Geschichte und Gegenwart und ist für viele Zugerinnen und Zuger ein vertrauter Ort. Gleichzeitig zeigt das Gebäude aber auch, wo die Bibliothek heute an ihre räumlichen Grenzen stösst. Moderne Bibliotheken sind heute Orte, an denen Menschen ihre Freizeit verbringen, gelernt, gearbeitet und Begegnung ermöglicht wird. Dafür braucht es Räume, die unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden: ruhige Arbeitsplätze, Gruppenräume, Veranstaltungsflächen, einladende Aufenthaltsbereiche und einfach zugängliche Treffpunkte wie ein Café. Das Kornhaus bietet dafür nur begrenzte Möglichkeiten. Damit die Bibliothek ihre Rolle auch künftig wahrnehmen kann, braucht es Räume, die den heutigen Anforderungen entsprechen. Die Weiterentwicklung der Bibliothek ist deshalb nicht nur eine inhaltliche, sondern auch eine räumliche Frage.
Die Bibliothek entwickelte sich von einem Ort für Bücher zu einem Treffpunkt für Bildung, Kultur und Begegnung. Wie hat sich dieser Wandel in den letzten Jahren konkret gezeigt?
Der Wandel zeigt sich sehr konkret in unserem Alltag. Früher kamen die Menschen vor allem zu uns, um Medien auszuleihen. Heute nutzen viele die Bibliothek als Lern- und Arbeitsort, treffen sich für Gruppenarbeiten oder besuchen Veranstaltungen. Besonders sichtbar wird das in der Studienbibliothek und in der DigiWerkstatt, wo wir den Zugang zu neuen Technologien wie Robotik oder 3D-Druck ermöglichen. Mich beeindruckt vor allem die Vielfalt der Menschen, die wir erreichen: Kinder, Familien, Jugendliche, Studierende, Berufstätige, Seniorinnen und Senioren oder Menschen, die neu in Zug sind. Diese Vielfalt zeigt, dass Bibliotheken heute weit mehr sind als Orte für Bücher.
Die Ausleihzahlen und die Nutzung der Bibliothek haben die ursprünglichen Erwartungen deutlich übertroffen. Was macht die Bibliothek aus Ihrer Sicht für die Zuger Bevölkerung so attraktiv?
Die Bibliothek Zug entwickelt sich laufend weiter. Dabei orientieren wir uns daran, was die Menschen in Zug heute brauchen und was sie von einer modernen Bibliothek erwarten. Grundlage dafür ist unsere Bibliotheksstrategie 2023–2027. Gemeinsam mit einem engagierten Team setzen wir diese Ziele Schritt für Schritt um. Diese Haltung zeigt sich beispielsweise in unserem Angebot: Wir verfügen über einen attraktiven, aktuellen analogen und
digitalen Medienbestand, bieten
ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm und haben mit der Open Library und Sonntagsöffnung die Zugänglichkeit deutlich erhöht. Unsere Kundinnen und Kunden können die Bibliothek täglich fast 24/7 von 7 bis 23 Uhr nutzen. Auch greifen wir immer wieder aktuelle Themen auf und bleiben offen für neue Entwicklungen und Trends. Die Bibliothek ist ein konsumfreier, neutraler, leicht zugänglicher Ort, an dem man willkommen ist, unabhängig von Alter, Herkunft oder Interessen. Ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor ist, dass Stadt und Kanton Zug bewusst entschieden haben, dieses Angebot der Bevölkerung kostenlos zur Verfügung zu stellen. Und nicht zuletzt legen wir grossen Wert auf einen professionellen, persönlichen Kundenservice.
Seit der Eröffnung hat die Digitalisierung die Medienwelt grundlegend verändert. Wie hat sich die Bibliothek an diese Entwicklung angepasst?
Wir verstehen die Digitalisierung als Chance, unser Angebot weiterzuentwickeln und Menschen in einer immer komplexeren Informationswelt Orientierung zu bieten. Neben E-Books, digitalen Zeitschriften und weiteren Online-Ressourcen geht es uns deshalb auch darum, den Umgang mit neuen Technologien zu vermitteln und einen reflektierten Umgang mit Informationen oder Technologien zu fördern.Gemeinsam mit den Stadtschulen und der ETH bieten wir beispielsweise in unserer DigiWerkstatt verschiedene Workshops an. Kinder, Jugendliche und Erwachsene können dort spielerisch Robotik-Anwendungen kennenlernen, Plotten oder mit 3D-Druck arbeiten sowie neue digitale Werkzeuge ausprobieren. Technologie hilft uns aber auch dabei, unseren Service zu verbessern. Dank RFID-Technologie können Ausleihe und Rückgabe weitgehend automatisiert erfolgen. Dadurch gewinnen wir Zeit für das, was uns besonders wichtig ist: die persönliche Beratung unserer Kundinnen und Kunden. Auch die Open Library mit Öffnungszeiten von 7 bis 23 Uhr wäre ohne digitale Lösungen nicht möglich. Die Digitalisierung zeigt sich zudem in neuen Medienangeboten wie der «Bibliothek der Dinge». Dort können beispielsweise Laptops, VR-Brillen oder Bee-Bots (Lernroboter für Kinder) ausgeliehen werden. Uns ist wichtig, dass neue Technologien möglichst einfach zugänglich sind und von möglichst vielen Menschen ausprobiert und genutzt werden können. Letztlich geht es uns nicht darum, möglichst digital zu sein, sondern darum, Menschen auch in einer digitalen Welt den Zugang zu Wissen, Bildung und neuen Möglichkeiten zu erleichtern.
Wenn Sie auf vier Jahrzehnte Bibliotheksgeschichte zurückblicken: Welche Meilensteine oder Entwicklungen waren besonders prägend?
Wenn ich auf die vergangenen vier Jahrzehnte zurückblicke, auch wenn ich nur eine kleine Zeitspanne davon selbst erlebt habe, gibt es aus meiner Sicht mehrere prägende Meilensteine. Grundlegend war und ist der Bibliotheksvertrag zwischen Stadt und Kanton sowie die sehr gute Zusammenarbeit, die der Bibliothek ihre besondere Rolle als Stadt- und Kantonsbibliothek gibt. Prägend waren auch die Einführung der ersten Computer oder der Online-Katalog bis hin zur RFID-Technologie, die viele Ausleih-Prozesse automatisiert hat. Unser Digitales Medienangebot «DibiZentral» mit anderen Zuger und Zentralschweizer Bibliotheken, aber auch jüngst die Einführung der Open Library und Öffnung der Bibliothek am Sonntag. Wegweisend war auch der Ausbau des Zeughauses zur Studienbibliothek (Lernarbeitsplätze) und der bewusste Entscheid, in Angebote zur Sprach- und Leseförderung, Medienbildung und Zusammenarbeit mit Schulen zu investieren. Nicht zuletzt auch der Schritt, aktiv die Angebote der Bibliothek zu bewerben und auf Social Media aktiv zu sein. Vor allem, um auch immer wieder unsere Zielgruppen anzusprechen oder neue zu erreichen.
Gibt es eine Geschichte, eine Begegnung oder einen Moment aus dem Bibliotheksalltag, der für Sie besonders gut zeigt, warum Bibliotheken auch im digitalen Zeitalter unverzichtbar sind?
Ein Moment, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war erst letzte Woche. Wir hatten einen Anlass rund um die Fussballweltmeisterschaft mit einer Panini-Tauschbörse und Freestyle-Fussball-Show. Die Bibliothek war am Nachmittag voller begeisterter Kids, die eifrig ihre Sammelbilder tauschten. Eltern, Grosseltern und Freunde waren mittendrin. Gleichzeitig spielte sich im Haus noch viel mehr ab: Während im Erdgeschoss das Tauschfieber herrschte, lernten im zweiten Stock Studierende konzentriert oder Zeitungslesende waren vertieft in die neuesten Neuigkeiten aus aller Welt. Am Abend verwandelte sich der Dachraum dann in eine Bühne für einen Poetry-Slam-Anlass, bei dem sich Menschen unterschiedlichster Generationen und Hintergründe inspirieren liessen. Solche Tage machen für mich den besonderen Wert der Bibliothek aus. Informationen findet man heute überall. Aber Orte, an denen sich Menschen verschiedener Generationen begegnen, gemeinsam etwas erleben oder einfach nebeneinander lernen und arbeiten, sind selten geworden. Genau das macht die Bibliothek Zug aus.
Mehr Infos: www.bibliothekzug.ch
Uwe Guntern
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