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Feuerwehr Hünenberg mit Jahresrapport und Rückblick
Der Aschermittwoch markiert theologisch, kulturell und gesellschaftlich den Übergang der Fasnacht in die Fastenzeit. Foto: AdobeStock
Mit dem Fasnachtsdienstag erreicht die närrische Zeit ihren Höhepunkt – und ihr abruptes Ende. Der Aschermittwoch markiert diesen Übergang – theologisch, kulturell und gesellschaftlich. Besonders im Kanton Zug zeigt sich dieser Wandel eindrücklich: zwischen Räbechüng, Grindverbrennung und dem Aschenkreuz auf der Stirn.
Fasnacht bedeutet Ausnahmezustand. Seit dem Schmutzigen Donnerstag regieren Masken, Musik und närrische Freiheit. Die gewohnte Ordnung scheint auf den Kopf gestellt, Hierarchien werden verspottet, der Winter symbolisch vertrieben. Doch so intensiv die Tage sind, so klar ist ihr Ende definiert: Mit dem Fasnachtsdienstag schliesst sich der Kreis. Im Kanton Zug geschieht dieser Abschluss nicht leise, sondern in eindrücklichen Ritualen. In Baar wird am Abend des Güdeldienstags der «Räbechüng» verbrannt. Begleitet von Fackelträgern und Guggenmusik zieht die Figur durchs Dorf, bevor sie verbrannt wird. Auch in Steinhausen endet die Fasnacht mit einer Verbrennung, der sogenannten «Grindverbrennung». In Hünenberg wird der «Eichefrässer» ins Feuer geschickt. In Oberägeri wiederum wird die Fasnacht symbolisch «vergraben». Unterägeri kennt das «Uslumpete» mit der symbolischen Verbrennung des Badjöögg. Auch Walchwil wird die Fasnacht mit einer «Uslumpete» verabschiedet. Diese Rituale gleichen sich im Kern. Eine Figur, die für die närrische Zeit steht, wird öffentlich verbrannt. Das Lachen verstummt langsam, die letzten Klänge verklingen. Das Feuer reinigt und beendet. Diese Bräuche machen deutlich: Das Ende der Fasnacht ist kein zufälliges Versiegen, sondern ein bewusst gestalteter Übergang.
Mit dem Aschermittwoch beginnt im christlichen Kalender die vierzigtägige Fastenzeit vor Ostern. Der Name leitet sich von einem zentralen Ritual ab: der Aschenauflegung. In katholischen Gottesdiensten wird den Gläubigen ein Kreuz aus Asche auf die Stirn gezeichnet – mit den Worten: «Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehrst. » Diese Worte stehen in scharfem Kontrast zur ausgelassenen Fasnacht. Wo zuvor Lärm und Lebensfreude dominierten, tritt nun die Erinnerung an die Vergänglichkeit in den Vordergrund. Die Asche selbst hat Symbolkraft. Traditionell wird sie aus verbrannten Palmzweigen des Vorjahres gewonnen. Was einst Zeichen des Triumphs war, wird zu einem Zeichen der Endlichkeit. In dieser Umkehr liegt eine tiefe religiöse Botschaft: Alles Irdische ist begrenzt – und gerade darin liegt die Einladung zur Besinnung.
Die Fastenzeit dauert 40 Tage – in Anlehnung an die 40 Tage, die Jesus in der Wüste verbrachte. Sie ist eine Zeit der Vorbereitung auf Ostern, das wichtigste Fest im christlichen Kalender. Historisch bedeutete Fasten tatsächlichen Verzicht auf Fleisch, Eier und Milchprodukte. Daher auch der Begriff «Karneval», abgeleitet von «carne vale» – «Fleisch, lebe wohl». Die Fasnacht war somit ursprünglich das letzte grosse Fest vor einer Phase des Mangels. Man ass, trank und feierte, bevor Einschränkung und Disziplin folgten. Heute hat sich die Bedeutung gewandelt. Für viele Menschen – auch ausserhalb kirchlicher Bindung – ist die Fastenzeit eine Phase bewussten Verzichts: weniger Alkohol, weniger Konsum, weniger digitale Reizüberflutung. Der Gedanke dahinter bleibt jedoch ähnlich: Reduktion schafft Raum für Wesentliches.
Auffällig ist, wie stark auch im Kanton Zug das Motiv des Feuers den Übergang prägt. Der Räbechüng in Baar, der Eichefrässer in Hünenberg oder die Grindverbrennung in Steinhausen – stets wird etwas verbrannt. Feuer hat in vielen Kulturen eine doppelte Bedeutung: Es zerstört und reinigt zugleich. In der Fasnacht symbolisiert es das Ende der Unordnung, das Verbrennen des Winters, vielleicht auch das Verbrennen von Übermut und Übermass. In gewisser Weise bildet das Feuer des Güdeldienstags eine Brücke zur Asche des Aschermittwochs. Was in der Nacht noch loderte, wird am nächsten Morgen zur stillen Asche auf der Stirn. Das Bild ist stark: Aus dem Spektakel wird Ernst, aus Hitze wird Kühle, aus Lärm wird Stille. Der abrupte Wechsel von Fasnacht zu Fastenzeit mag widersprüchlich erscheinen. Doch gerade dieser Kontrast erfüllt eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Die Fasnacht erlaubt temporäre Grenzüberschreitungen. Kritik wird in humorvolle Formen gekleidet, Spannungen werden karikiert. Diese «lizenzierte Unordnung » stärkt letztlich das soziale Gefüge, weil sie Druck ablässt. Der Aschermittwoch setzt dann bewusst ein Gegengewicht. Er erinnert daran, dass Freiheit Verantwortung braucht und Ausgelassenheit nicht dauerhaft sein kann. Die Fastenzeit bietet Gelegenheit zur Selbstprüfung – persönlich wie gemeinschaftlich. Gerade in einer Zeit permanenter Verfügbarkeit und Dauerunterhaltung erhält diese Struktur neue Aktualität.
Im Kanton Zug zeigt sich, wie eng Brauchtum und religiöse Tradition historisch verbunden sind. Auch wenn heute nicht alle Fasnächtlerinnen und Fasnächtler kirchlich engagiert sind, liegt der zeitliche Rahmen weiterhin im liturgischen Kalender. Die lokalen Figuren – Räbechüng, Eichefrässer oder andere Symbolgestalten – sind Ausdruck regionaler Identität. Sie verkörpern Dorfgeschichte, Selbstverständnis und Gemeinschaftssinn. Wenn sie am Güdeldienstag verbrannt werden, geschieht dies öffentlich und gemeinsam. Der Akt ist nicht privat, sondern kollektiv. Am Aschermittwoch hingegen wird die Geste persönlicher. Das Aschenkreuz wird individuell empfangen. So wechselt der Fokus von der Gemeinschaft zur Einzelperson – von der öffentlichen Feier zur inneren Reflexion.
Historisch lässt sich der Übergang auch naturgeschichtlich deuten. Die Fasnacht liegt am Ende des Winters. In früheren Zeiten war diese Phase von Knappheit geprägt. Das grosse Feiern war zugleich Trotzreaktion gegen Dunkelheit und Kälte. Mit der Fastenzeit beginnt symbolisch der Weg in den Frühling. Die Natur bereitet sich auf neues Wachstum vor. Auch der Mensch soll innerlich «aufräumen» und sich erneuern. Die Asche steht damit nicht nur für Vergänglichkeit, sondern auch für Neubeginn. Aus Asche kann Neues entstehen – wie es viele Mythen beschreiben. Ob religiös motiviert oder kulturell geprägt – der Rhythmus von Fasnacht und Fastenzeit strukturiert das Jahr. Im Kanton Zug wird dieser Übergang sichtbar und hörbar gestaltet. Die letzten Trommelschläge am Güdeldienstag, das Knistern der Flammen, die Stille des nächsten Morgens – all das sind Zeichen eines bewussten Wechsels. Vielleicht liegt gerade darin die bleibende Kraft dieser Tradition: Sie akzeptiert, dass das Leben aus Gegensätzen besteht. Freude und Ernst, Lärm und Stille, Feuer und Asche. Wenn am Aschermittwoch die Glocken wieder nüchterner klingen, ist die Fasnacht nicht vergessen. Sie ist vielmehr Teil eines grösseren Kreislaufs. Das Wissen um ihr Ende macht ihre Intensität erst möglich. Und so beginnt mit einem Aschenkreuz auf der Stirn nicht nur eine Zeit des Verzichts, sondern auch eine Phase der Vorbereitung – auf Ostern, auf neues Leben, auf einen weiteren Frühling. Die Narren schweigen. Doch der Sinn bleibt.
Uwe Guntern
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