Jugend forscht
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In der Kita Städtli in Cham wird Anfang Mai nicht nur gespielt, sondern auch gepflanzt. Mit dem Programm AckerRacker entdecken Kinder, woher ihr Essen kommt – und was es zum Wachsen braucht.
Am Dienstag, 5. Mai, wird es in der Kita Städtli in Cham ein wenig anders zugehen als sonst. Statt Bauklötze und Bilderbücher stehen Erde, Setzlinge und kleine Schaufeln im Mittelpunkt. Um 14 Uhr beginnt die Pflanzung: Die Kinder legen ihren eigenen Acker an. Es ist der Auftakt zu einem Projekt, das weit über einen einzelnen Nachmittag hinausreicht.
Was auf den ersten Blick wie ein spielerischer Ausflug ins Gärtnern wirkt, ist Teil eines grösseren Bildungsansatzes. Hinter der Aktion steht das Programm «AckerRacker» der Organisation Acker Schweiz. Ziel ist es, Kindern früh einen Zugang zur Natur und zu Lebensmitteln zu ermöglichen – nicht theoretisch, sondern mit den eigenen Händen. Die Kinder in Cham werden in den kommenden Monaten säen, pflanzen, giessen und ernten. Sie erleben unmittelbar, wie aus einem kleinen Samen eine Pflanze wächst und was es dafür braucht: Zeit, Pflege, Aufmerksamkeit. Es ist ein Lernen mit allen Sinnen – die Erde riechen, das Wachstum beobachten, das eigene Gemüse später vielleicht sogar kosten. Solche Erfahrungen sind heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Viele Kinder wachsen in einem Umfeld auf, in dem der direkte Kontakt zur Natur selten geworden ist. Spielplätze sind oft die nächsten «grünen Räume», während echte Naturerlebnisse fehlen. Gleichzeitig zeigen Studien, dass sich Ernährungsgewohnheiten verändern – häufig nicht zum Besseren. Bewegungsmangel und unausgewogene Ernährung können bereits im Kindesalter gesundheitliche Folgen haben. Hier setzt Acker Schweiz an. Die gemeinnützige Organisation arbeitet an der Schnittstelle von Bildung, Landwirtschaft, Umwelt und Ernährung. Mit Programmen wie «Acker- Racker» für jüngere Kinder und der «GemüseAckerdemie» für Schulen wird der Gemüseacker als Lernort in den Alltag von Bildungsinstitutionen integriert. Dabei geht es nicht nur um Wissen, sondern um Haltung: Wertschätzung für Lebensmittel, Verständnis für natürliche Kreisläufe und ein bewusster Umgang mit Ressourcen. Die Zahlen zeigen, dass das Interesse wächst. Im Jahr 2026 ackern in der Schweiz über 100 Kitas, Kindergärten und Schulen mit. Rund 5000 Kinder bewirtschaften ihre eigenen kleinen Ackerflächen. Gemeinsam pflanzen sie mehr als 14’000 Gemüsesetzlinge, setzen 90 Kilogramm Pflanzkartoffeln und säen grosse Mengen an Gemüse- und Blumensamen. Hinter diesen Zahlen stehen unzählige kleine Geschichten – von ersten Ernteerfolgen, aber auch von Rückschlägen, wenn Pflanzen nicht gedeihen.
Denn auch das gehört dazu: Der Acker ist kein perfekter Lernort. Er ist abhängig vom Wetter, von der Pflege, von vielen Faktoren, die sich nicht vollständig kontrollieren lassen. Gerade darin liegt sein Wert. Kinder lernen, dass Wachstum Zeit braucht und nicht alles planbar ist. Sie erfahren, dass Lebensmittel nicht einfach im Laden entstehen, sondern das Ergebnis von Arbeit und natürlichen Prozessen sind. Das Programm ist über ein ganzes Jahr hinweg angelegt. Bereits im späten Winter beginnt die Vorbereitung. Betreuungspersonen und Lehrkräfte werden geschult, Materialien bereitgestellt, erste Themen eingeführt. Von Frühling bis Herbst findet dann die eigentliche Ackerarbeit statt. Ein- bis zweimal pro Woche gehen die Kinder nach draussen, kümmern sich um ihre Pflanzen, beobachten Veränderungen, reagieren auf Herausforderungen. Im Winter schliesslich wird der Blick geweitet. Ältere Kinder beschäftigen sich mit Fragen rund um Nachhaltigkeit, Konsum und die Zukunft der Ernährung. Was bedeutet es, bewusst einzukaufen? Warum ist Biodiversität wichtig? Und wie kann Landwirtschaft in Zukunft aussehen? Der Acker wird so zum Ausgangspunkt für weiterführende Überlegungen. Auch in Cham dürfte das Projekt Spuren hinterlassen. Für die Kinder ist es ein Erlebnis, das sich vom gewohnten Alltag abhebt. Für die Betreuungspersonen eröffnet es neue Möglichkeiten, Lernen anders zu gestalten. Und für die Eltern bietet es vielleicht Anlass, zu Hause über Ernährung und Herkunft von Lebensmitteln zu sprechen. Nicht zuletzt berührt das Thema auch eine gesellschaftliche Dimension. In der Schweiz landen rund 30 Prozent der Lebensmittel im Abfall – besonders häufig Früchte und Gemüse. Gleichzeitig geht das Wissen über deren Herkunft und Produktion zunehmend verloren. Projekte wie «AckerRacker» setzen genau hier an: Sie verbinden Erfahrung mit Wissen und schaffen ein Bewusstsein, das über den Moment hinaus wirken kann. Wenn die Kinder in der Kita Städtli also ihre ersten Setzlinge in die Erde setzen, ist das mehr als eine nette Aktivität an einem Frühlingsnachmittag. Es ist ein Anfang. Ein Anfang, der zeigt, wie Lernen aussehen kann, wenn es greifbar wird. Und vielleicht auch ein Anfang für eine Generation, die wieder näher an die Natur rückt – Schritt für Schritt, Pflanze für Pflanze.
Uwe Guntern
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