Zugersee
Seegfrörni als Ausnahme und nicht als Regel
Impression vom farbenprächtigen und vielfältigen Festumzug anlässlich des 31. Eidgenoessischen Jodlerfest 2023 in Zug. Leider nur zu sehen und nicht zu hören... Foto: swiss-image.ch/Photo Philipp Schmidli
Das Schweizer Jodeln ist neu Teil des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO. Die internationale Anerkennung würdigt eine jahrhunderte alte Gesangstradition, die tief in der Bevölkerung verankert ist.
Die Auszeichnung würdigt das Jodeln als emblematischen Gesang der Schweiz. Charakteristisch ist der bewusste Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme, verbunden mit bedeutungsfreien Silben, die oft mit regionalen Dialekten verbunden sind. Man unterscheidet zwischen dem Naturjodel, einer Melodie ohne Text, und dem Jodellied, das gesungene Strophen mit gejodelten Refrains kombiniert. Beide Formen spiegeln Naturerfahrungen, Alltagsbezüge und emotionale Ausdruckskraft wider und sie werden bis heute aktiv gepflegt. Das Jodeln ist in der Schweiz tief verwurzelt. Historisch reicht es weit zurück, überliefert durch mündliche Traditionen in alpinen Regionen. Früher diente der Gesang nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Kommunikation über weite Täler hinweg. Die Registerwechsel zwischen Brust- und Kopfstimme und die Verwendung von Silben statt Wörter erlaubten, dass Botschaften oder Stimmungen über lange Distanzen getragen werden konnten.
Dass diese Tradition nicht erstarrt, sondern sich stetig weiterentwickelt, zeigte sich eindrücklich am letzten Eidgenössischen Jodlerfest 2023 in Zug. Nach einem sechsjährigen Unterbruch präsentierten über 10’000 Aktive aus der ganzen Schweiz ihre Darbietungen in den Sparten Jodeln, Alphornblasen und Fahnenschwingen. Das Fest zog rund 210’000 Besucherinnen und Besucher an und wurde zu einem grossen Volksfest der Begegnung. Wichtig ist dabei die Einordnung: Das Eidgenössische Jodlerfest findet nicht jährlich, sondern alle drei Jahre statt. Nach Zug 2023 richtet Basel im Jahr 2026 den nächsten Grossanlass aus. Solche Veranstaltungen machen deutlich, wie lebendig das Jodeln heute ist. Über 12’000 Jodlerinnen und Jodler sind Mitglied in einer der 711 Gruppen des Eidgenössischen Jodlerverbands. Gleichzeitig wird auch ausserhalb organisierter Vereinsstrukturen gejodelt: in Familien, Freundeskreisen oder durch zeitgenössische Musikerinnen und Musiker, die sich von der Tradition inspirieren lassen. Die Vielfalt der Aufführungsorte reicht von ländlichen Stuben über Kirchen bis hin zu grossen Konzertsälen.
Die UNESCO-Anerkennung wird in den Jodlerklubs des Kantons Zug mit grosser Freude aufgenommen. Beim Jodlerklub Echo Baarburg in Baar spürt man die Begeisterung. Präsident Beat Obrist betont, dass die Mitglieder stolz auf die internationale Würdigung seien. «Wir hoffen, dass diese Auszeichnung das Jodeln noch populärer macht und Hemmschwellen abbaut. Vielleicht traut sich der eine oder andere, es einfach einmal auszuprobieren.» Für den Klub bedeutet dies nicht nur Prestige, sondern auch eine Gelegenheit, junge Menschen für die Tradition zu gewinnen. Gerade in den letzten Jahren ist ein erfreulicher Trend zu beobachten: Immer mehr Jugendliche treten den Vereinen bei. Auch die regionale Entwicklung profitiert davon. Lokale Feste, Probenabende und Vereinsaktivitäten stärken das Gemeinschaftsgefühl. «In Zeiten globaler Unsicherheit geben Bräuche wie das Jodeln Zuversicht und Freude. Sie verbinden Menschen über Generationen hinweg», erklärt Obrist. Dass der Jodlerklub Echo Baarburg 2026 zudem sein 100- jähriges Bestehen feiert, verleiht der Anerkennung zusätzlichen Glanz und Motivation für besondere Veranstaltungen. Ähnlich klingt es beim Jodlerklub Edelweiss Walchwil. Präsident Martin Arnold bezeichnet die UNESCOAnerkennung als grosse Ehre. «Es ist ein Ansporn, dass junge Menschen das Jodeln kennenlernen und als Teil einer Gemeinschaft erleben.» Um dies zu fördern, plant der Klub im Januar (15/22 und 29) mehrere öffentliche Proben, bei denen Interessierte unverbindlich reinschauen, mitsingen und den Verein kennenlernen können. Persönliche Einladungen und soziale Medien sollen weitere Interessierte erreichen. Solche niederschwelligen Angebote zeigen, wie ernst es den Vereinen mit der Weitergabe der Tradition ist. Auch der Jodlerklub Schlossgruess Cham zeigt sich erfreut über die internationale Würdigung. Die Mitglieder sehen darin eine Bestätigung ihrer Arbeit und Motivation für die Zukunft. Dirigentin Helen Affolter erklärt: «Die UNESCOAnerkennung ist für uns eine grosse Freude und zeigt, dass unsere Arbeit für diese Tradition geschätzt wird. Unsere Mitglieder sind stolz und setzen sich mit Engagement und Freude weiterhin für das Jodeln ein.» Gleichzeitig macht der Entscheid sichtbar, dass die Arbeit der Vereine entscheidend bleibt, um die Tradition lebendig zu halten. «Die Anerkennung verleiht dem Jodeln mehr Sichtbarkeit, aber wir müssen weiterhin zeigen, dass Jodeln keine verstaubte, sondern eine lebendige und moderne Tradition ist», betont Affolter. Konkret plant der Verein, seine Aktivitäten fortzusetzen und punktuell auszubauen, um Freude am Jodeln weiterzugeben und neue Mitglieder zu gewinnen
Die UNESCO selbst betont, dass «Bewahrung » nicht bedeutet, eine Tradition zu konservieren oder einzufrieren. Vielmehr geht es darum, Wissen, Praxis und Bedeutung ankommende Generationen weiterzugeben. Die Kandidatur der Schweiz wurde vom Bundesamt für Kultur gemeinsam mit Expertinnen, Experten und Organisationen koordiniert. Im Zentrum standen Ausbildung, Nachwuchsförderung, Dokumentation und nationale Koordination. Die Anerkennung bringt somit nicht nur Prestige, sondern auch Verantwortung mit sich. Die Aufnahme des Jodelns in die Liste des immateriellen Kulturerbes eröffnet neue Möglichkeiten. Sie stärkt den Austausch zwischen Vereinen, fördert Projekte zur Nachwuchsausbildung und sensibilisiert die Öffentlichkeit für die kulturelle Vielfalt der Schweiz. Gleichzeitig unterstreicht sie, dass diese jahrhundertealte Tradition nicht nur Vergangenheit, sondern auch Gegenwart und Zukunft hat. Das Schweizer Jodeln steht heute an einem spannenden Punkt: fest verwurzelt in der Geschichte, offen für neue Ausdrucksformen und gesellschaftliche Entwicklungen. Es verbindet Generationen, Regionen und Menschen über kulturelle Grenzen hinweg. Mit der Aufnahme in das immaterielle Kulturerbe der UNESCO ist die Tradition nicht nur international anerkannt, sondern wird auch in der Schweiz selbst stärker wahrgenommen, gepflegt und gelebt. Der Klang des Jodelns, einst als Kommunikationsmittel in den Bergen geboren, hallt heute über Konzerthallen, Festmeilen und Dorfplätze als lebendiges Symbol schweizerischer Volkskultur.
Michael Schwegler
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