Holzhäusern
Bohrkopf «Simone» startet inden Untergrund
Ende Mai finden in Zug die Special Olympics National Summer Games statt. Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung stehen dabei im Mittelpunkt. Sybille Infanger von der Stiftung zuwebe erklärt, warum Begegnungen so wichtig sind.
Die Stiftung zuwebe begleitet seit über 50 Jahren Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und setzt sich für mehr Inklusion ein. Besonders im Vorfeld der Special Olympics Ende Mai bietet sie Schulungen an, um die Bevölkerung zu sensibilisieren. Wir haben mit Sybille Infanger über die Bedeutung von Begegnungen, die Herausforderungen im Alltag und praktische Tipps für mehr Inklusion gesprochen.
Ende Mai finden in Zug die Special Olympics National Summer Games statt. Welche Bedeutung hat dieser Anlass für die Sichtbarkeit von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen?
Die Special Olympics sind ein wichtiger Anlass, auf den wir uns alle schon lange freuen. Der Anlass ermöglicht eine hohe öffentliche Sichtbarkeit von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und schafft wertvolle Begegnungsräume zwischen Athleten und Athletinnen und der Zuger Bevölkerung. Im Sinne der Nachhaltigkeit begleitet die Stiftung zuwebe seit über zwei Jahren verschiedene Sportarten in Richtung Inklusion. So gibt es bereits ein Pétanque-Team, Kooperationen mit Vereinen wie Zug 94 und Zug United Unihockey und ein Golf Angebot, bei denen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam in Vereinen aktiv sind.
Viele Menschen haben im Alltag wenig Kontakt mit Personen mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Woran liegt das Ihrer Beobachtung nach?
Unsere Gesellschaft ist noch stark separativ geprägt. Trotz des Ziels einer inklusiven Gesellschaft ist der Weg noch lang. Spezialisierte Wohnangebote und separate Sportangebote führen dazu, dass Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung im Alltag wenig sichtbar sind. Zudem fehlen Ausbildungs- und Arbeitsplätze sowie bezahlbarer Wohnraum. Zudem sind Menschen mit Beeinträchtigung in den Medien kaum präsent.
Was passiert typischerweise, wenn Menschen erstmals bewusst mit diesem Thema konfrontiert werden – eher Neugier, Unsicherheit oder Zurückhaltung?
Menschen, die das erste Mal in Kontakt mit Menschen mit Beeinträchtigung kommen, reagieren oft mit einer Mischung aus Neugier und Unsicherheit. Ich erlebe es oft, dass die Unsicherheit vor allem aus der Angst entsteht, etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Viele fragen sich zum Beispiel, ob sie «behindert» sagen dürfen. Aus Angst, etwas politisch Unkorrektes zu sagen, vermeiden sie manchmal das Gespräch oder die Situation.
Sie sprechen davon, «Berührungsängste» abzubauen. Wie zeigen sich solche Berührungsängste konkret im Alltag?
Menschen vermeiden zum Beispiel Begegnungen oder setzen sich im Bus bewusst an einen anderen Platz. Manche reagieren nicht, wenn sie angesprochen werden. Es kommt auch vor, dass Gespräche an eine Begleitperson gerichtet werden – selbst wenn die betroffene Person sehr wohl selbst antworten könnte.
In Ihrer Schulung geht es darum, kognitive Beeinträchtigung zu verstehen und zu erleben. Welche Aha-Momente erleben Teilnehmende dabei besonders häufig?
Viele Teilnehmende realisieren, wie vielfältig kognitiven Beeinträchtigungen sind und dass Menschen mit Beeinträchtigung genauso individuell sind wie wir alle. Ein häufiger Aha- Moment ist, dass ein normaler, respektvoller Umgang ausreicht und dass viele Befürchtungen im Kontakt unbegründet sind. Viele merken auch, dass kleine Anpassungen in der Sprache – zum Beispiel klare Aussagen oder etwas mehr Zeit – oft schon ausreichen, um Kommunikation zu ermöglichen. Teilnehmende berichten auch, dass sie vermeintlich «andere» Verhaltensweisen neu als Stärken wahrnehmen. Etwa die Freude an kleinen Dingen oder die Offenheit gegenüber fremden Menschen.
Die Stiftung zuwebe arbeitet seit Jahrzehnten mit Menschen mit Beeinträchtigung. Was hat sich in dieser Zeit im gesellschaftlichen Umgang besonders verändert – und was vielleicht weniger?
Ich denke, die grösste Veränderung ist die zunehmende Selbstbestimmung von Menschen mit Beeinträchtigung. Sie entscheiden heute häufiger selbst über Wohnen, Freizeit oder Arbeit und sind dadurch vermehrt eigenständig in der Gesellschaft unterwegs. Es wurde viel in die Sensibilisierung für Inklusion investiert und es gab politisch wie rechtlich Fortschritte. Gleichzeitig sind aber noch immer viele Lebensbereiche getrennt organisiert.
Wie wichtig sind Begegnungen im Alltag für echte Inklusion und wo fehlen solche Begegnungen heute noch?
Inklusion ist Begegnung. Echte Inklusion würde bedeuten, dass wir uns im Alltag selbstverständlich begegnen; bei der Arbeit, beim Wohnen und in der Freizeit. Erste Schritte sind gemacht, dennoch besteht in allen Bereichen Potenzial für mehr Begegnungsräume.
Welche Rolle können Unternehmen, Schulen oder Vereine spielen, um Inklusion stärker im Alltag zu verankern?
Unternehmen, Schulen und Vereine können viel dazu beitragen, Inklusion im Alltag zu verankern. Zum Beispiel durch inklusive Ausbildungs- und Arbeitsplätze oder gemeinsame Freizeitangebote. Ebenso wichtig ist die Sensibilisierung von Mitarbeitenden und Mitgliedern. In diesen Bereichen bietet die Stiftung zuwebe Unterstützung an. Wir haben ein Team für berufliche Integration, das Firmen berät, eine Diversity Coachin Sport, die Vereine begleitet, und Schulungen zum Thema Umgang mit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Firmen lege ich zudem ans Herz, Möglichkeiten im Bereich Corporate Social Volunteering zu nutzen. Wenn Mitarbeitende in einer Institution mitarbeiten, entstehen echte Begegnungen.
Was können einzelne Menschen im Alltag tun, wenn sie unsicher sind im Umgang mit einer Person mit kognitiver Beeinträchtigung?
Wichtig ist, die Person und nicht die Beeinträchtigung in den Vordergrund zu stellen und sich respektvoll auf Augenhöhe zu begegnen. Wenn Unterstützung nötig scheint, sollte man nachfragen, ob Hilfe gewünscht ist, statt ungefragt zu handeln. Erwachsene Menschen mit Beeinträchtigung sollten auch als Erwachsene angesprochen werden. Eine einfache Sprache kann helfen, sollte aber nicht kindlich oder verniedlichend sein. Und manchmal brauch es einfach auch eine gute Portion Geduld. Für sich selbst aber auch für die Person mit Beeinträchtigung.
Wenn Sie an die kommenden Jahre denken: Was müsste sich verändern, damit Inklusion in der Gesellschaft noch selbstverständlicher wird?
Es braucht mehr Zugang zum ersten Arbeitsmarkt für Menschen mit Beeinträchtigung. Auch beim Wohnen besteht grosser Handlungsbedarf. Nötig wären mehr bezahlbarer Wohnraum und Vermietende, die bereit sind, an Menschen mit Beeinträchtigung zu vermieten. Angebote sollten von Anfang an barrierefrei gedacht und Menschen mit Beeinträchtigung in Planung und Gestaltung einbezogen werden. Das betrifft zum Beispiel die Wohnraumplanung oder die Gestaltung von neuen Angeboten. Gleichzeitig bleiben die gesellschaftliche Sensibilisierung und die Schaffung von Begegnungsräumen in der Freizeit und im Sport zentral.
Michael Schwegler
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