Jugend forscht
Jarl Braun aus Oberwil enthält für seine Maturaarbeit Gold
Blick von Norden auf die Lorzenebene.
Mitten in einer der dynamischsten Wachstumsregionen der Schweiz ist etwas gelungen, das selten geworden ist. Eine wertvolle Landschaft wurde nicht verbaut, sondern bewusst bewahrt und weiterentwickelt. Die Lorzenebene steht heute exemplarisch für eine Raumplanung, die Natur, Landwirtschaft und Erholung miteinander versöhnt – und wird dafür nun ausgezeichnet.
Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz hat die Lorzenebene zur «Landschaft des Jahres 2026» gekürt. Geehrt werden nicht nur die Landschaft selbst, sondern vor allem jene, die sie über Jahre hinweg geschützt, gestaltet und weitergedacht haben: die Korporation Zug, der Kanton, die Stadt Zug sowie die Gemeinden Baar, Cham und Steinhausen. Die Ehrung würdigt eine planerische Leistung, die in Zeiten von Siedlungsdruck und Flächenknappheit alles andere als selbstverständlich ist. Denn die Region rund um Zug gehört zu den wachstumsstärksten Gebieten des Landes. Seit der Jahrtausendwende ist die Bevölkerung um mehr als ein Drittel gewachsen. Neue Wohnquartiere, Arbeitsplätze und Infrastrukturen entstanden – und mit ihnen der Druck auf die verbleibenden Freiräume. Gerade deshalb wirkt die Lorzenebene heute wie ein Gegenentwurf zur üblichen Entwicklung. Statt einer schleichenden Überbauung blieb sie frei – als zusammenhängender, offener Raum mitten in einer zunehmend verdichteten Stadtlandschaft.
Dass dies gelang, ist kein Zufall. Bereits 2004 setzte der Kanton Zug ein klares Zeichen: Im kantonalen Richtplan wurde eine Siedlungsbegrenzungslinie festgelegt, die der Ausdehnung von Bauzonen in der Lorzenebene einen Riegel vorschob. Ein politischer Entscheid mit langfristiger Wirkung. Was damals wie eine Einschränkung erschien, erweist sich heute als Weitsicht. Die Ebene ist nicht zur Reserve für zukünftige Bauprojekte geworden, sondern zu einem bewusst gesicherten Raum mit vielfältigen Funktionen. Hier begegnen sich unterschiedliche Nutzungen auf engem Raum: Spaziergänger, Velofahrerinnen, Reiter und Hundebesitzer teilen sich Wege und Wiesen. Die Lorze und der Zugersee laden zum Baden ein. Gleichzeitig bewirtschaften Landwirte fruchtbare Böden, bauen Getreide an und halten Tiere. In geschützten Bereichen finden seltene Pflanzen und Tiere Rückzugsorte. Diese Vielfalt ist kein Zufallsprodukt, sondern das Resultat eines intensiven Aushandlungsprozesses.
Um die unterschiedlichen Interessen in Einklang zu bringen, wurde unter Leitung des kantonalen Amts für Raum und Verkehr eine breit abgestützte Arbeitsgruppe eingesetzt. Ihr Ziel: ein gemeinsames Leitbild für die Zukunft der Lorzenebene. 2012 wurde dieses Leitbild verabschiedet – und mit ihm ein Katalog von Grundsätzen, der bis heute als Orientierung dient. Im Zentrum steht die Idee der Koexistenz: Landwirtschaft, Erholung und Natur sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern sich gegenseitig ergänzen. Konflikte sollen nicht verdrängt, sondern aktiv gesteuert werden – etwa durch gezielte Besucherlenkung. Gleichzeitig wird anerkannt, dass Natur Raum braucht und nicht beliebig verdrängt werden kann. Ein besonders entscheidender Punkt: Die Lorzenebene wird ausdrücklich nicht als Bauerwartungsland betrachtet. Sie bleibt frei von Überbauung. Auch neue Verkehrsinfrastrukturen, die das Gebiet zerschneiden könnten, sind ausgeschlossen. Diese Grundsätze wurden nicht nur formuliert, sondern politisch verankert. Der Kantonsrat übernahm zentrale Inhalte in den Richtplan und schuf damit verbindliche Rahmenbedingungen. Die Lorzenebene erhielt eine eigene Signatur sowie konkrete Massnahmen, die schrittweise umgesetzt wurden.
Mehr als ein Jahrzehnt nach der Verabschiedung des Leitbilds zeigt sich, dass es nicht bei Absichtserklärungen geblieben ist. Zahlreiche Projekte haben die Landschaft sichtbar verändert – und aufgewertet. So wurde etwa der Campingplatz am Seeufer beim Brüggli aufgehoben. Wo zuvor Parkplätze und dichte Nutzung dominierten, entstand ein grosszügiger, naturnaher Freiraum. Ein Entscheid, der politisch umstritten war, heute jedoch als wegweisend gilt. Auch die Infrastruktur wurde angepasst: Hochspannungsleitungen verschwanden unter die Erde, Abschnitte der alten Lorze wurden renaturiert. Das Gebiet rund um den Schiessstand Choller wurde neu gestaltet und für Fussgänger sowie Velofahrer besser zugänglich gemacht. Ergänzt wurde es durch eine Hundefreilaufzone – ein Beispiel dafür, wie unterschiedliche Bedürfnisse konkret berücksichtigt werden. Ein neuer Fussweg entlang der alten Lorze wurde 2018 sogar mit dem renommierten Prix Rando ausgezeichnet. Gleichzeitig wird darauf geachtet, dass neue Überbauungen am Rand der Ebene sorgfältig gestaltet werden. Der Übergang zwischen Siedlung und Landschaft soll fliessend bleiben – keine harte Grenze, sondern ein durchlässiger Raum.
Ein zentraler Erfolgsfaktor liegt in der Zusammenarbeit der beteiligten Akteure. Die Korporation Zug als eine von vielen Landeigentümerinnen, der Kanton Zug sowie die Gemeinden Baar, Cham und Steinhausen sowie die Stadt Zug zogen über Jahre hinweg am gleichen Strang. Gemeinsam suchten sie den politischen Rückhalt für auch unbequeme Entscheidungen. Die Schliessung des Campingplatzes ist ein Beispiel dafür, wie kontroverse Massnahmen letztlich doch umgesetzt werden konnten – weil eine gemeinsame Vision bestand. Entscheidend war dabei auch die Haltung der öffentlich-rechtlichen Körperschaften: Sie agierten nicht reaktiv, sondern vorausschauend. Das Leitbild blieb kein Papier für die Schublade, sondern wurde konsequent umgesetzt.
Die Auszeichnung durch die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz versteht sich deshalb auch als Signal über die Region hinaus. In vielen Teilen der Schweiz stellt sich die Frage, wie mit dem Spannungsfeld zwischen Wachstum und Landschaftsschutz umzugehen ist.
Die Preisverleihung Landschaft des Jahres 2026 findet am 13. Juni statt. Mehr dazu unter www.sl-fp.ch/lorzenebene
Die Auszeichnung in Kürze
Seit 2011 ernennt die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL-FP) jedes Jahr eine «Landschaft des Jahres». Die SL-FP beleuchtet damit die Werte der schweizerischen Landschaften und würdigt das lokale Engage-ment für die Landschaftspflege. Gestiftet wird der Preis vom Migros-Genossenschafts-Bund und von Balthasar Schmid, Meggen. Die Preissumme beträgt 10'000 Franken. Begründung für die Landschaft des Jahres 2026 Lorzenebene:
• Die Lorzenebene als grüne Lunge in der boomenden Stadtlandschaft Zug weist hohe räumliche und landschaftliche Qualitäten auf, sie lässt vielfältige Nutzungen zu und ist für die Zugerinnen und Zuger identitätsstiftend.
• Die Planungspartner:innen haben den grosszügigen Freiraum dem Siedlungsdruck vorausschauend entzogen und ihn vor der Bebauung bewahrt.
• Die beteiligten Gruppen haben ihre divergierenden Interessen verhandelt und ein Zielbild entwickelt, das die Koexistenz von Erholung, Biodiversität und Landwirtschaft ermöglicht.
• Wichtige Entscheide wurden umsichtig politisch verankert.
• Kanton, Gemeinden und Landeigentümer:innen haben zusammengewirkt und ihr Leitbild kooperativ umgesetzt.
• Die mitbedachte Erschliessung gewährt eine gute Zugänglichkeit und eröffnet damit vielen Menschen das Erleben der Landschaft.
• In der Umsetzung kommen partizipative und qualitätssichernde Verfahren zum Zug, etwa im Gebiet Brüggli.
• Die Lorzenebene ist ein Modell dafür, wie Agrarlandschaften im Siedlungsgebiet – auch in Regionen mit wachsender Bevölkerung – gesichert und qualitätsvoll weiterentwickelt werden können.
Uwe Guntern
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