Zuger Sportpreis
Géraldine Frey sprintet allen davon
Menschenmenge auf dem Eis und Schaulustige auf dem Vorstadtquai bei der Seegfrörni von 1929.
Ob der Zugersee wohl jemals wieder vollständig zufrieren wird? – Die «Zuger Woche» ging just dieser Frage auf den Grund.
Gemäss MeteoSchweiz ist der Zugersee in den vergangenen hundert Jahren lediglich zweimal vollständig zugefroren: im Winter 1928/29 und im Winter 1962/63. Beide Winter zeichneten sich durch aussergewöhnlich lange und intensive Kältephasen aus. «Im Mittelland gab es damals sehr viele Tage mit Temperaturen komplett unter null Grad», erklärt Elias Zubler von MeteoSchweiz. Am Messstandort Luzern seien es in diesen Wintern rund 50 sogenannte Eistage gewesen. Solche Bedingungen seien entscheidend, damit ein grosser See überhaupt zufrieren könne. Seen reagieren unterschiedlich auf Kälte. Entscheidend ist unter anderem ihre Tiefe.Je tiefer ein See ist,desto mehr Kälte wird benötigt, bis sich eine tragfähige Eisdecke bildet. Der Grund dafür liegt in der Physik des Wassers: Zunächst muss die gesamte Wassermasse auf rund vier Grad Celsius abkühlen, erst danach kann das oberflächennahe Wasser weiter auskühlen und gefrieren. «Damit ein grösserer See im Mittelland zufrieren kann, braucht es über Wochen bis Monate Zufuhr von kalter Polarluft und praktisch konstant Temperaturen unter null Grad», so Zubler. Mit dem Klimawandel würden solche Kälteperioden jedoch kürzer und wenigerintensiv, was die Wahrscheinlichkeit von Seegfrörnen deutlich senke. Ein Blick auf die jüngste Vergangenheit bestätigt diese Einschätzung. In den letzten fünf Jahren wurden am StandortLuzernkaummehr als zehn Eistage pro Winter registriert. Auch die jüngste Kältewelle dauerte nicht länger als rund zehn Tage. Für eine vollständige Vereisung des Zugersees reicht das bei weitem nicht aus.
Auch das Bundesamt für Umwelt (BAFU) geht davon aus, dass Seegfrörnen künftig immer seltener werden. Zwar führt das BAFU keine eigenen Erhebungen zur Vereisung von Seen durch, verweist jedoch auf etabliertemeteorologischeGrundlagen. Das Zufrieren eines Sees hängt nicht nur von der Lufttemperatur ab, sondern auch von der Durchmischung der Wasserschichten und der Wassertemperatur. Studien im Rahmen von Hydro-CH2018 zeigen zudem, dass sich Oberflächen- und Tiefenwasser der Schweizer Seen in den letzten Jahrzehnten deutlich erwärmt haben. In einer Synthese der Eawag heisst es, die winterliche Eisbedeckung habe insgesamt abgenommen, während sich die stabile Wasserschichtung im Sommer verlängert habe. Zwar wurde der Zugersee nicht explizit modelliert, doch die Ergebnisse gelten laut BAFU auch für vergleichbare Mittelland-Seen. Was passiert eigentlich mit den Lebewesen, wenn ein See zufriert? Entgegen einer weit verbreiteten Vorstellung friert bei einer Seegfrörni nicht die gesamte Wassermasse. In grösseren Seen bleibt das Wasser in tieferen Schichten flüssig und weist Temperaturen um vier Grad auf. Fische und andere Wasserlebewesen ziehen sich dorthin zurück und reduzieren ihreKörperfunktionen.Bewegung und Stoffwechsel werden stark heruntergefahren, was ein Überleben während der Kälteperiode ermöglicht. Anders sieht es in sehr flachen Gewässern oder seichten Uferzonen aus: Reicht das Eis bis zum Grund, können die dort lebenden Organismen nicht überleben.
Während eine echte Seegfrörni heute kaum mehr zu erwarten ist, beschäftigt die Zuger Polizei im laufenden Winter ein anderes Phänomen: die Gefahr durch trügerische Eisflächen. «Wir stellen immer wieder fest, dass Schneeeis fälschlicherweise als tragfähiges Eis interpretiert wird», sagt Frank Kleiner, stellvertreten der Kommunikationsverantwortlicher der Zuger Polizei. Schneeeis sei porös und oft milchig, wirke jedoch stabil – ein gefährlicher Irrtum. Schuhspuren auf gesperrten Eisflächenzeigten,dassWarnsignalenicht immer ernst genommen würden. In diesem Winter sei es bislang zwar zu keinen Rettungseinsätzen gekommen, die Gefahr bleibe jedoch real. Die Seepolizei kontrolliert deshalb gezielt jene Eisflächen,die für die Bevölkerung zugänglich sind. Dabei werden Eisdicke, Struktur, Tragfähigkeit und mögliche Schwachstellen wie Zu- und Abflüsse beurteilt. «Entscheidend ist nicht nur die Dicke, sondern vor allem die Qualität des Eises»,betont Kleiner.Für Laien sei das kaum zuverlässig zu erkennen. Sicher sei eine Eisfläche erst dann, wenn sie von den zuständigen Stellen ausdrücklich freigegeben werde. Ein zugefrorener Zugersee ist ein historisches Ausnahmeereignis – Zeugnis von Wintern, wie sie heute kaum mehr vorkommen. Mit dem fortschreitenden Klimawandel dürfte die Seegfrörni zunehmend vom realen Naturereignis zur Erinnerung aus vergangenen Zeiten werden. Schade drum!
Mohan Mani
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